Vorlauftemperatur: die Zahl, an der fast alles hängt
Wenn du dich für eine Wärmepumpe interessierst, wirst du früher oder später nach der Vorlauftemperatur gefragt. Die Antwort entscheidet über mehr, als die meisten erwarten: über den Stromverbrauch der nächsten zwanzig Jahre, über die Frage, welche Geräte überhaupt in Frage kommen — und in mehreren Bundesländern darüber, ob es Förderung gibt oder nicht.
Was die Vorlauftemperatur ist
Die Vorlauftemperatur ist die Temperatur des Wassers, das die Heizung in Richtung Heizkörper oder Fußbodenheizung schickt. Der Rücklauf ist das, was abgekühlt wieder zurückkommt.
Entscheidend ist nicht ein fester Wert, sondern die Auslegungstemperatur: die Vorlauftemperatur, die dein Haus am kältesten Tag des Jahres braucht, um warm zu werden. An allen anderen Tagen liegt sie darunter — moderne Regelungen fahren die Temperatur über eine Heizkurve mit der Außentemperatur hoch und runter.
Für Planung und Förderung zählt genau dieser Auslegungswert.
Warum eine Wärmepumpe darauf so empfindlich reagiert
Eine Wärmepumpe pumpt Wärme von draußen nach drinnen. Je größer der Unterschied zwischen der Temperatur der Wärmequelle und der Temperatur, auf die sie das Heizwasser bringen muss, desto mehr Strom kostet das.
Ein Gaskessel merkt kaum, ob er 45 oder 60 °C liefert — er verbrennt etwas mehr Gas. Bei einer Wärmepumpe schlägt jedes Grad spürbar auf die Stromrechnung durch. Deshalb ist die Vorlauftemperatur bei einer Wärmepumpe eine ganz andere Größe als bei dem Kessel, den sie ersetzt.
Das ist auch der Grund, warum die Frage „passt eine Wärmepumpe in mein Haus?” fast nie am Baujahr hängt, sondern hier: Nicht das Alter des Hauses entscheidet, sondern die Temperatur, die es braucht.
So findest du deine eigene heraus
Drei Wege, vom groben zum belastbaren:
1. Am Regler ablesen. Fast jede Heizungsregelung zeigt die aktuelle Vorlauftemperatur und die eingestellte Heizkurve. Der abgelesene Wert an einem milden Tag sagt wenig — aber die Heizkurve verrät, worauf die Anlage an kalten Tagen zielt.
2. Der Praxistest im Winter. Dreh an einem richtig kalten Tag die Vorlauftemperatur schrittweise herunter, in kleinen Schritten über mehrere Tage. Wird es in allen Räumen noch warm genug, ist dein Haus besser als gedacht. Das kostet nichts außer Geduld und ist aussagekräftiger als jede Schätzung.
3. Die Heizlastberechnung. Der einzige belastbare Weg, und die Grundlage jeder seriösen Auslegung. Ein Fachbetrieb rechnet Raum für Raum, was gebraucht wird, und leitet daraus die nötige Vorlauftemperatur ab. Wer ein Angebot ohne diese Rechnung bekommt, sollte danach fragen.
Als grobe Einordnung: Fußbodenheizungen arbeiten typischerweise im Bereich um 30 bis 35 °C, ausreichend groß dimensionierte Heizkörper im Bereich um 45 bis 55 °C, alte, knapp bemessene Heizkörper darüber. Das sind Erfahrungswerte zur Orientierung und ersetzen die Berechnung nicht.
Wo die Förderung an dieser Zahl hängt
Hier wird es konkret, und hier unterscheiden sich die Bundesländer erheblich. Drei Beispiele, jeweils im Wortlaut der geltenden Bestimmung nachgelesen:
Wien ist am strengsten. Gefördert werden Wärmepumpen, soweit die bereitgestellte Vorlauftemperatur des Wärmeabgabesystems „maximal 40 Grad Celsius beträgt”. Höhere Temperaturen sind nur mit Nachweis zulässig — der gilt als erbracht, wenn das Gerät laut GET-Produktdatenbank eine jahreszeitbedingte Raumheizungseffizienz von mindestens 140 Prozent bei 55 °C erreicht.
Tirol setzt die Grenze direkt am Wärmequellentyp an: maximal 55 °C bei Wasser-Wasser- und Sole-Wasser-Wärmepumpen, 50 °C bei Luft-Wasser-Wärmepumpen. Wer also mit einer Luftwärmepumpe plant, hat dort fünf Grad weniger Spielraum als mit Erdwärme.
Oberösterreich koppelt die Effizienzanforderung an die Auslegung: Bei einer Auslegungstemperatur bis 35 °C muss der Effizienzwert für 35 °C erfüllt sein, darüber der für 55 °C. Die Auslegungstemperatur wird im technischen Datenblatt ausdrücklich abgefragt.
Und ein Land schert aus: Vorarlberg knüpft die Förderung nicht an die Vorlauftemperatur, sondern an den Schallleistungspegel des Geräts. Wer dort plant, muss eine ganz andere Zahl im Blick haben — mehr dazu im Beitrag über die Schallwerte.
⚠️ Die übrigen Bundesländer sind hier bewusst nicht aufgeführt. Nicht weil sie keine Anforderungen hätten, sondern weil wir sie noch nicht im Wortlaut geprüft haben. Was in deinem Bundesland gilt, steht in der Förderübersicht — dort siehst du bei jedem Land, wann wir zuletzt nachgesehen haben. Verbindlich ist immer die Förderstelle.
Wie sich die Vorlauftemperatur senken lässt
Wenn dein Haus heute 60 °C braucht, ist eine Wärmepumpe nicht ausgeschlossen — aber es lohnt sich, vorher an der Zahl zu arbeiten. Der Reihe nach, vom Billigsten zum Teuersten:
Hydraulischer Abgleich. Dabei wird eingestellt, wie viel Wasser durch jeden Heizkreis fließt. Ohne ihn werden manche Räume zu warm und andere zu kalt — und die Anlage muss die Vorlauftemperatur anheben, bis auch der schlechteste Raum warm wird. Der Abgleich kostet wenig und bringt oft mehrere Grad.
Einzelne Heizkörper vergrößern. Meist ist es nicht das ganze Haus, das eine hohe Temperatur verlangt, sondern ein oder zwei Räume. Größere Heizkörper genau dort sind deutlich günstiger als eine Vollsanierung — und wirken auf denselben Hebel.
Fenster, Dach, oberste Geschoßdecke. Klassische Dämmmaßnahmen senken den Bedarf und damit die nötige Temperatur. Teurer, aber sie zahlen auch auf alles andere ein.
Fußbodenheizung nachrüsten. Der größte Eingriff, meist nur bei ohnehin anstehender Sanierung sinnvoll.
Wichtig ist die Reihenfolge: Erst die Temperatur senken, dann die Wärmepumpe auslegen. Wer zuerst das Gerät kauft und danach saniert, hat am Ende eine zu große Maschine — die taktet, verschleißt schneller und verbraucht mehr, als sie müsste.
Drei Fragen fürs Angebotsgespräch
- Auf welche Auslegungstemperatur ist die Anlage gerechnet? Eine konkrete Zahl, keine Spanne.
- Liegt eine Heizlastberechnung vor? Wenn nein: warum nicht.
- Erfüllt diese Auslegung die Förderbedingungen meines Bundeslandes? Der Betrieb sollte das ohne Zögern beantworten können.
Bleibt eine dieser Fragen offen, ist das kein Grund zur Sorge um das Gerät — aber ein Grund nachzufragen, bevor unterschrieben wird. Die Vorlauftemperatur lässt sich nach dem Einbau nur noch mit Aufwand ändern.
AO
Quellen
- Stadt Wien — Förderung Errichtung, Umstellung und Nachrüstung von Heizanlagen — abgerufen am 28. August 2026
- Land Tirol — Wohnhaussanierungsrichtlinie, Ausgabe 1.1.2026 (PDF), Punkt 2.3.3 — abgerufen am 28. August 2026
- Land Oberösterreich — Technisches Datenblatt Wärmepumpe UWD-US/E-73a (PDF) — abgerufen am 28. August 2026
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